10 Monate weltwärts und zurück

– von Valerie Hannich solivol Freiwillige 2014-2015

Herzlich miteinander lachen konnte Valerie mit Emma in Malawi, bei der sie oft zum Tee eingeladen war. Foto: privat
Herzlich miteinander lachen konnte Valerie mit Emma in Malawi, bei der sie oft zum Tee eingeladen war. Foto: privat

Mein 10-Monate Freiwilligendienst in Äthiopien und Malawi ist vorbei, ich bin wieder zurück in Deutschland.

Viele Außenstehende haben mich gefragt: „Wie war es in Afrika, konntest du viel bewirken?“ Deshalb muss ich nun zunächst etwas aufklären: Ein entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, wie der weltwärts-Dienst auch genannt wird, ist keine Entwicklungshilfe. Es geht nicht darum, besonders viel in dem Partnerland oder der Partnerorganisation zu verändern. Vielmehr liegt der Fokus auf dem Austausch und dem Kennenlernen anderer Kulturen. Durch das Leben in Addis Ababa (Äthiopien) und Chowe (Malawi) bekam ich einen Einblick in die Lebensrealität der dortigen Bewohner. Ebenso konnte ich den Menschen vor Ort von dem Leben und den Gewohnheiten in Deutschland erzählen. So fand ein Austausch statt, der mir geholfen hat einige meiner Vorurteile (zum Beispiel gegenüber muslimisch geprägter Gesellschaften) als solche zu identifizieren und darüber zu reflektieren. Vielleicht konnte ich auch einige Mythen und Vorurteile über Deutschland beseitigen. Doch das heißt nicht, dass ich sagen würde, ich hätte viel „bewirkt“.

Afrika ist nicht gleich Afrika - Schon Äthiopien und Malawi unterscheiden sich stark voneinander

Ebenfalls bedeutet ein Jahr in einem afrikanischen Land nicht, dass ich nun eine Afrika-Expertin bin. Schon Äthiopien und Malawi unterscheiden sich stark voneinander, ebenso ist es mit den restlichen Ländern des afrikanischen Kontinents auch. Und selbst in Äthiopien und Malawi leben arme und reiche Menschen sowie Muslime und Christen und Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen miteinander. Die Malawier oder Äthiopier sind genauso ein bunt gemischtes Volk wie wir in Deutschland auch oder würdet ihr sagen, dass man Ostfriesen und Bayern in allen Belangen über einen Kamm scheren kann?
Doch noch einmal zurück zu der Frage, ob ich viel bewirkt habe oder vielmehr die Frage, die ich mir selbst stelle: „Habe ich mich durch den Freiwilligendienst verändert?“
Zunächst einmal komme ich in Deutschland relativ gut klar. Ich habe bislang noch keinen umgekehrten Kulturschock. Mir fallen aber schon einige Kleinigkeiten im Alltag auf, in denen sich mein Blickwinkel verändert hat. Ich bemerke z.B., wie viel gutes Essen in deutschen Restaurants und auch zu Hause weggeschmissen wird. Denn ich weiß, dass in Chowe von einigen Menschen sogar das Kerngehäuse eines gegessenen Apfels aus dem Müll gesucht wird (wobei ein solcher Apfel auch schon selten zu finden ist). Die Beschwerden deutscher Touristen am Flughafen über die Wartezeit oder über die Organisation des Flughafens im Allgemeinen kamen mir merkwürdig surreal vor. Durch die Erfahrungen im Ausland bekomme ich zurück in Deutschland die Möglichkeit noch einmal mit einem anderen, vielleicht auch kritischeren Blickwinkel auf die deutsche Kultur zu schauen. Positiv ausgedrückt schätze ich nun eher die vielen Möglichkeiten und Freiheiten, die ich habe, denn ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass diese Freiheiten nicht jeder Mensch hat.

Afrika heißt nicht gleich Armut und Hunger

Gleichzeitig wurde mir während der letzten Monate bewusst, dass das in Deutschland bekannte „Afrika-Bild“ nicht richtig ist. Nur weil Äthiopien und Malawi auf dem afrikanischen Kontinent sind, heißt das nicht, dass dort alle Menschen Hungern und leiden. Ich lernte bei der Betreuung einer Klassenfahrt Kinder aus sehr reichen malawischen Familien kennen, die noch nie in ihrem Leben Wasser holen oder ohne Strom leben mussten, von dem Gefühl Hunger zu haben, ganz zu schweigen. Diese Erfahrung zeigte mir, dass es auch malawische Familien gibt, die einen Lebensstandard haben, der mit einem mittleren deutschen Standard vergleichbar ist bzw. sogar darüber hinaus geht.

Ich habe gelernt hinzuschauen und zuzuhören

In Äthiopien und Malawi unterhielt ich mich mit vielen Menschen über ihre Lebensbedingungen, Wünsche und Ängste. Ich wollte von ihnen hören, wie sie aufgewachsen sind, was sich in den letzten Jahren verändert hat und wie sie die eigene und die internationale Politik erleben. Dabei kam ich immer wieder zu dem Schluss, dass egal ob Weißer oder Schwarzer, Christ, Moslem oder Atheist, Reicher oder Armer: letztendlich sind wir alle Menschen. Zwar mit verschiedenen Hintergründen, aber oft mit denselben Bedürfnissen nach Liebe, Anerkennung und Frieden. Es hat mir Spaß gemacht mit den Menschen über ihr Leben zu sprechen und ich lernte wirklich zuzuhören. Dieses Interesse um mich herum zu schauen, mit offenen Augen zu sehen und zuzuhören, wie die Menschen Leben, nahm ich mit nach Deutschland. So aß ich letztens mit einer Frau zusammen einen Mittagssnack, die seit drei Wochen obdachlos ist und unterhielt mich mit ihr über das Leben auf Deutschlands Straßen. So etwas hätte ich vor meiner Abreise wahrscheinlich nicht gemacht.
Vielleicht habe ich gelernt, die Menschen eher als eine Einheit zu betrachten und mich dabei gleichzeitig über ihre Vielfalt zu freuen, anstatt sie ständig in Gruppen zu unterteilen. Ich bin immer noch nicht 100%ig frei von Vorurteilen, wer kann das von sich schon behaupten, aber der Freiwilligendienst hat mir etwas die Augen geöffnet und ermöglicht es mir nun, diese Vorurteile zu hinterfragen und regelmäßig zu neuen Ergebnissen zu kommen.

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