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Das solivol Jahr in Afrika

Die Welt ist wie ein Buch, wer nicht reist hat nur eine Seite davon gesehen.

Ein Interview über Freiwilligenzusammenarbeit aus unterschiedlichen Perspektiven

Frank Kyambadde (27) und Christoph Trojok (27) lernten sich bei der NGO Pefo (Phoebe Education Fund for Orphans) als freiwillige Mitarbeiter kennen. Die ugandische NGO unterstützt vor allem benachteiligte Kinder und ältere Menschen (hauptsächlich in der Region um Jinja).
Nach Abschluss seines Bachelors als Bau Ing. entschied Christoph sich für solivol , das weltwärts Angebot von artefact.  Das Hausbauprojekt von Pefo bot ihm die Möglichkeit sein  Interesse am Lehmbau praktisch zu erproben.

Frank wurde aufgrund der Trennung seiner Eltern als Kind verstoßen. Pefo ermöglichte Frank mittels eines Stipendiums, einen Schul- und anschließend einen Studienabschluss im Bereich Journalismus zu erreichen. Danach beschloss Frank als Freiwilliger für die Organisation zu arbeiten.
Im folgenden Interview, erzählen die beiden von ihrer Zusammenarbeit bei Pefo und von den Möglichkeiten als Freiwilliger bei Pefo neue Perspektiven in der der Zusammenarbeit zu entdecken.

Wie kam es zu eurer Arbeit als Freiwillige bei Pefo?

Frank: Ich habe selbst zwei Jahre als Freiwilliger Mitarbeiter für die Organisation Pefo gearbeitet. Mein Ziel war es dabei auch, einerseits praktische Erfahrungen im Umfeld der Freiwilligenzusammenarbeit zu erlangen. Pefo ist eine relativ große NGO, welche permanent wächst. Dies gab mir Chance in den verschiedensten Bereichen zu arbeiten. Oftmals wechselte ich die Abteilungen. Im Zuge dessen arbeitete ich mit den artefact Freiwilligen Christoph, Martin, Malte und Carl zusammen.

Christoph: Per Zufall stolperte ich im Internet über die Website von artefact und einen Bericht über das Hausbauprojekt von Pefo. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal was das „weltwärts“-Programm überhaupt ist. Mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis bewarb ich mich für ein Auslandsjahr. Meine Zusage war eher eine Bauchentscheidung in allerletzter Sekunde. Mittlerweile bin ich über diese schicksalhafte Fügung sehr froh, da mir sonst das wahrscheinlich spannendste Jahr meines Lebens verwehrt geblieben wäre. Ich übernahm die Stelle meines Vorfreiwilligen, welcher vor allem die Wartung der Pefo Lehmsteinpresse übernommen hatte. Durch ein Praktikum beim Maschinenhersteller konnte ich mich fachlich etwas vorbereiten. Aus meinem zunächst fachlichen Interesse am Lehmbauprojekt wurde eine Aufgabe, welche weit vielseitiger, kulturell, persönlich und fachlich war, als ich am Anfang erwartet hatte.

Welches waren eure individuellen Einsatzgebiete bei Pefo?

Frank: Während der Mitarbeit war ich unter anderem für das Drehen von Dokumentarfilmen, z.B. über Webonere Fireless Cookers zuständig. Ich leistete Öffentlichkeitsarbeit über Radio und Fernsehen, welche über Pefoprojekte informieren sollen. Ich war zuständig für Graphikdesign für Visitenkarten, Kalendern, Poster und mehr. Außerdem war intensive Zusammenarbeit mit den Großmüttern an der Tagesordnung. Ich besuchte regelmäßig die wöchentlichen Treffen der Großmüttergruppen und beriet diese. Ein weiteres großes Feld war am Ende der Bau von Biogasanlagen in Zusammenarbeit mit Christoph. Ich wurde am Ende als Biogasmanager für die Verwaltung der Anlage auf der Farmschool eingesetzt. Außerdem war ich am Ende für das von den Artefactfreiwilligen initiierte Tourimusprojekt zuständig.

Christoph: Meine primäre Aufgabe war zunächst die Lehmsteinproduktion, bei welcher ich anfangs noch handwerklich mitarbeitete. Relativ schnell stellte ich fest, dass ich für die Produktion nur dann von Nutzen wäre, wenn ich in die Organisation gehe. Ich übernahm nach einigen Monaten die Organisation und arbeitete fortan an der Verbesserung der Produktionsabläufe. Nebenbei initiierte ich ein Biogasprojekt auf der Farmschool, bei welcher ich in Zusammenarbeit mit Frank eine Anlage auf der Pefo Farmschool baute. Später bauten wir eine zweite Anlage als externes Projekt für eine Schule. Außerdem half ich beim Aufbau eines Tourismusprojektes, ein Projekt bei welchem mehrere Freiwillige mitwirkten.

Bei welchen Tätigkeiten konntet ihr zusammenarbeiten? In welchem Bereich konntet ihr dabei besonders voneinander profitieren?

Frank: Im Zuge der Freiwilligenzusammenarbeit führte ich die unterschiedlichsten Tätigkeiten aus. Unter anderem half ich dabei in der Lehmsteinproduktion, bei dem Bau zweier Biogasanlagen (in Jinja und Kyazanga) und dem Tourismusprojekt von Pefo. Außerdem war ein wichtiger Teil unserer gemeinsamen Arbeit, Kinder für die Stipendienprogramme zu suchen und die Zusammenarbeit mit den Großmüttergruppen auf dem Land, welche von Pefo unterstützt werden.
Bei allen genannten Tätigkeiten wurde ich von den Artefactfreiwilligen unterstützt. Dies machte meine Arbeit leichter, beschleunigte die Projektumsetzung und beide Seiten konnten dabei viel voneinander lernen.

Christoph: Den Bau der Biogasanlagen hätte ich ohne die Hilfe von Frank unmöglich bewerkstelligen können. Alles wäre sehr viel schwieriger, wenn man niemanden zur Seite hat, welcher die kulturellen Gepflogenheiten kennt und die Sprache spricht. Frank half mir vor allem auch dabei, mit den Arbeitern zu verhandeln. Ich lieferte Frank die Projektideen, während er mir bei der tatsächlichen praktischen Umsetzung half. Bei beiden Baustellen verbrachten wir mehrere Wochen miteinander. Die Zusammenarbeit mit ihm hat meinen kulturellen Horizont unheimlich erweitert. Auch persönlich konnte ich mich dadurch weiterentwickeln. Frank half mir besonders, wenn ich mit den Großmuttergruppen in Kontakt trat. In Uganda ist es z.B. üblich eine Rede zu halten, wenn man vor eine Gruppe tritt. Wenn man gerade erst in diesem Land angekommen ist, ist man von solchen Situation schnell überfordert. Einen Freund und Kollegen wie Frank an seiner Seite zu haben, ist deshalb unerlässlich.

Gab es auch Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit Freiwilligen?

Frank: Es gab natürlich auch einige Herausforderungen mit Freiwilligen. Unter anderem gab es hin und wieder persönliche Probleme, oder Probleme welche die Arbeit betrafen. Ein größeres Problem, stellte manchmal das sehr knappe Budget von Freiwilligen dar. Außerdem gab es oft Schwierigkeiten, da die Freiwilligen Sprachbarrieren besitzen. Dies war insbesondere auf dem Land und in der Zusammenarbeit mit den Großmüttern ein Problem.

Christoph: Sicher war, besonders am Anfang, nicht alles einfach. Ein Beispiel ist die unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit. Wenn die innere Uhr noch nach dem deutschen System läuft, kann eine Verabredung schon eine Herausforderung darstellen. Kulturell sind die Unterschiede in vielen Bereichen ziemlich groß, es benötigt Offenheit und Toleranz auf beiden Seiten. Das ist nicht immer einfach, aber mit der richtigen Grundeinstellung profitieren am Ende beide davon.

Könnt ihr Empfehlungen an zukünftige Freiwillige geben?

Frank: Oftmals werden die Arbeiten bei Pefo weniger nach Qualifikation oder Erfahrung einer Person, als vielmehr nach dessen Motivation, Charakter und vor allen Dingen Ehrlichkeit vergeben. Dies betrifft insbesondere die Arbeit von Freiwilligen. Die richtige Motivation und Eigeninitiative bei der Arbeit ist deshalb unerlässlich.
Jeder zukünftige Freiwillige sollte sich außerdem über den Inhalt des Freiwilligenprogrammes im Klaren sein, bevor er eine Zusage abgibt. Viele Freiwillige wollen nur in einem gewissen Feld Erfahrungen sammeln, um später darin Karriere zu machen.
Ich selbst profitierte von der großen Vielfalt der Aufgaben. Die Freiwilligenarbeit half mir, in viele Bereiche hereinzuschauen und Erfahrungen zu sammeln. Außerdem konnte ich dadurch ein wirklich wichtiges berufliches und persönliches Netzwerk aufbauen. Deshalb möchte ich jeden zukünftigen Freiwilligen dazu ermutigen flexibel und unvoreingenommen an die Freiwilligenstelle heranzutreten. Nur so erhalten sie die Chance, unerwartete Dinge auszuprobieren, welche außerhalb ihrer Stellenbeschreibung liegen.

Christoph: Man kann nicht sagen, Freiwilligenarbeit das ist „so und so“, da die Erfahrungen der einzelnen Freiwilligen sehr individuell und unterschiedlich sind. Es hängt sehr stark davon ab, wo man landet und wer man ist. Eine positive Arbeitseinstellung und viel Eigeninitiative sind auf jeden Fall von Vorteil, wenn man seinen Fokus auf die Arbeitsstelle legen möchte. In meinem Fall, hat die Stelle sehr gut gepasst, da ich die Arbeit als erfüllend empfand, obwohl sie auch mit viel Geduld und teilweise frustrierenden Phasen einherging. Anderen Freiwilligen war das Reisen oder die interkulturelle Erfahrung wichtiger. Die Unterschiede sind dabei sehr individuell, es kommt dabei vorrangig auf eine offene und positive Grundeinstellung an.

Wie würdet ihr abschließend interkulturelle Freiwilligenarbeit bewerten?

Frank: Im Zuge der Freiwilligenzusammenarbeit möchte ich einige Dinge hervorheben, welche ich gelernt habe. Ich lernte viel über Umweltschutz, ein Thema welches vor allem in Uganda, aber auch ganz Afrika, immer wichtiger wird. Ich habe gesehen wie wichtig es ist unsere Wälder und Naturräume zu respektieren und unsere Gesundheit zu schützen.  Ich lernte viel über den Bau und die Konstruktion von Biogasanagen. Insbesondere lernte ich außerdem die unterschiedlichen kulturellen Normen der westlichen, im Gegenzug zur afrikanischen Gesellschaft kennen. Weitere Fähigkeiten waren Dinge wie, Zeitmanagement, Führungskompetenz, Kommunikation und vieles mehr.
Ich wurde durch Freiwillige dazu ermutigt theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen.
Die Zusammenarbeit mit Freiwilligen  empfand ich als  große Bereicherung, welche mir die globalisierte Welt praktisch vor Augen führte. Es half mir ein vertieftes Wissen über die Zusammenhänge und notwendigen Fähigkeiten zu erlangen, welche man in dieser wettbewerbsorientierten Welt benötigt.
Freiwilligenzusammenarbeit ist ein hervorragender Weg um Beziehungen zu knüpfen, welche ein in Zukunft wertvolles, persönliches und professionelles Netzwerk darstellen.
Die Zusammenarbeit mit artefact Freiwilligen hat mein Leben, durch die Möglichkeit des “Voneinander-Lernens” bereichert. Dies gab meinem Leben ein starkes Fundament, welches dafür sorgt, dass ich auf jeden Fall weiterhin mit artefact Freiwilligen zusammenarbeiten möchte.

Christoph: Ich möchte an dieser Stelle nicht aufzählen, welche einzelnen Fähigkeiten ich während meines Freiwilligenjahres gelernt habe. Ein Freiwilligenjahr ist eine Lebenserfahrung, durch die  man insgesamt unheimlich bereichert wird und durch das man die Chance erhält persönlich zu wachsen. Es ist ein unheimliches Privileg, dass wir in Deutschland die Möglichkeit geboten bekommen, zu reisen. Ich denke sich dieses Privilegs bewusst zu werden, geht einher mit der Erkenntnis, dass es schade wäre diese Gelegenheit nicht zu nutzen. Die Welt ist wie ein Buch, wer nicht reist, der hat nur eine Seite davon gesehen. Aus meinem Freiwilligenjahr sind viele Freundschaften entstanden. Unter anderem zu Frank habe ich noch heute über das Internet einen engen Kontakt. Da sich „Weltwärts“ auch als Projekt des kulturellen Austausches begreift, ist das Reverse Programm der nächst logische Schritt, bei welchem Leute aus den Einsatzländern, die Möglichkeit erhalten, ein Jahr nach Deutschland zu kommen. Vielleicht kehrt sich also bald die Rollenverteilung um. Dann werde ich Frank erklären müssen, warum man in Deutschland nicht hupen soll und gleichzeitig ohne Tempolimit über die Autobahn heizen darf.